Der folgende Beitrag wurde auf meine Anregung hin von Herrn Johannes Tielmann verfasst, der bei mir an der VHS u. a. einen Linuxkurs besuchte und in einigen Fällen meine Linux-Supportleistung in Anspruch genommen hat. Seine Erfahrungen zeigen, dass man mit Offenheit und einer gewissen Lernbereitschaft auch und gerade im Privatbereich mit Linux sehr gute Erfahrungen machen kann.

Der Beitrag wurde durch mich nicht überarbeitet, abgesehen von der Korrektur einiger Tippfehler. Ich danke Herrn Tielmann für die freundliche Überlassung zur Veröffentlichung auf meiner Webseite.

Wie ich zu Linux kam: Ein Erfahrungsbericht

Es war nach meinem Eintritt ins Rentenalter. Ich wollte privat einiges am Notebook machen, wozu ich im Berufsleben nicht gekommen war. Mit Microsofts Betriebssystemen hatte ich seit MS-DOS Zeiten in den 80er Jahren zu tun und Windows seit den ersten Versionen 3.0 bis 7 erlebt. Gerade die Umstellung von XP auf Vista machte 2007 ein paar Probleme. Da riet mir ein Verwandter: Versuch es doch mal mit Ubuntu. Ich hatte zwar beruflich schon mal ein wenig mit Unix-Betriebssystemen zu tun, Server unter HP-UX, aber wusste dazu nicht viel mehr, als dass man Unix-Systeme nicht einfach ausschalten, sondern immer schön mit dem shutdown-Befehl herunterfahren sollte, weil das Betriebssystem sonst Schaden nehmen könnte.

Ubuntu 6.06 war im Jahr 2007 die erste Linux-Distribution, die ich installierte. (Inzwischen bin ich bei Linux-Mint 18.3, das auf Ubuntu 16.04 aufsetzt.) Nach dem Herunterladen und Brennen auf eine CD konnte man das System zunächst zum Testen laden und ausprobieren, ohne es zu installieren. Zum Installieren als zweites Betriebssystem neben Windows gab es eine detailierte Anleitung, wie die Festplatte zu partitionieren ist. Vor dem Installieren sollte man von den eigenen Dateien eine Datensicherung machen und ggf. die Festplatte mit dem Windows-Programm defragmentieren, ein Vorgang, der bei Linux nicht mehr nötig ist.

Linux formatiert Datenträger mit einem anderen Dateiformat (ext2, ext3 oder ext4) als Windows (NTFS). Wer Windows und Linux nebeneinander nutzen will (oder muss), kann sich eine separate NTFS-Partition anlegen, die unter Linux und Windows gemountet werden kann. Dann kann man auf Dateien von beiden Betriebssytemen zugreifen.

Linux-Distributionen wie Ubuntu oder Linux-Mint beinhalten schon mit der Installation viele gängige Programme für den täglichen Gebrauch, wie Internetbrowser, E-Mail-Programm Thunderbird, LibreOffice, das weitgehend dem Microsoft-Office-Paket entspricht.
Ich nutze außerdem häufig die Bildbearbeitung GIMP und das Desktop-Publishing-Programm Scribus für die Erstellung von Broschüren und Fotobüchern. Diese und viele andere Programme kann man ohne weiteres aus den offiziellen Paketquellen installieren, soweit sie in der Standard-Distribution noch nicht vorhanden sind.

All das ist kostenlos; denn es handelt sich um Open-Source-Software. Und die Programme sind weitgehend genauso zu bedienen, wie mit einem Windows-Betriebssystem.

Für meinen Brother-Multifunktions-Drucker gibt es ein Script auf der Seite von Brother, um die erforderlichen Treiber zu installieren.

Einen großen Vorteil sehe ich darin, dass Linux keinen Virenscanner braucht. Mein Rechner, der inzwischen schon 8 Jahre alt ist, startet einschließlich Anmeldung in 90 Sekunden. Wenn ich nach einem Monat aus irgend einem Grund doch noch einmal Windows 7 starten muss, dauert das mindestens eine Stunde, manchmal länger, weil der Virenscanner und Windows selbst sehr viele Updates herunterladen und installieren. Dabei ist außerdem mindestens ein Programm-Neustart erforderlich, mit den bekannten Meldungen „Bitte warten“, „Schalten Sie den Rechner nicht aus…“

Natürlich gibt es auch bei Linux mal Probleme. Es ist deshalb nützlich, sich mit den reichlich vorhandenen Hilfeangeboten im Internet vertraut zu machen: www.ubuntuusers.de und www.linuxmintusers.de sind da nützliche Adressen.

Wer tiefer in das Betriebssystem einsteigen will, findet dazu ausführliche Literatur. Ich bekam zu Weihnachen 2007 das Buch LINUX von Michael Kofler, ein 1340 Seiten starkes Handbuch mit 2 bootfähigen CDs. Die neueste Auflage, die im Oktober 2019 erscheint, ist auf 1450 Seiten angewachsen. Ich habe das Handbuch nur gelegentlich als Befehlsreferenz gebraucht.

Einmal ist mir ein fataler Fehler nach einem Windows-Absturz passiert:

Ich hatte nach dem Neustarten des Rechners nicht den normalen Windows-Starter, sondern das Recovery-Programm aufgerufen. Die Folge war, dass meine Linux-Installations-Partition beim Starten nicht mehr erkannt wurde. Da brauchte ich externe Hilfe, um die Partition wieder herzustellen, was mit einer von CD gestarteten Linux-Version möglich war.

Ein anderes Problem ist kürzlich entstanden durch externe Datenquellen. Das Libre-Office Paket gibt es in vielen Versionen für unterschiedliche Betriebssysteme und Linux-Versionen. Ich hatte mir eine neuere Version über sogenannte PPA (Personal Package Archive) installiert. (In Ubuntuusers.de wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Fremdsoftware das System beschädigen kann.) Diese neue Version von LibreOffice enthielt die Funktionen, die in der älteren nicht funktionierten. Dann kamen mit den laufenden Updates, die bei Linux oft mehrmals wöchentlich angeboten werden, und die man in der Regel alle problemlos installieren kann und sollte, auch die neuesten Versionen von LibreOffice auf meinen Rechner. Die waren dann aber teilweise nicht mehr mit meiner Linux-Mint-Version verträglich. Das Deinstallieren aus dem PPA hat zu weiteren Fehlern geführt. Es gab eine zeitaufwändige Suche nach Lösungen, aber auch zügige Hilfe über die Foren von Ubuntuusers.de und den LibreOffice-Support. Solche Fehlersuche führt aber auch zu besserem Verständnis des Systems. So erfuhr ich, dass in den Standard-Distributionen von Ubuntu bzw. Linux-Mint nicht alle Komponenten von Libre-Office installiert werden, und dass man ggf. fehlende aus den Paketquellen nachinstallieren kann. Außerdem bekam ich über den Support von LibreOffice einen Tipp, wie man völlig unabhängig von der Ubuntu-Version die neueste LibreOffice-Version in einer eigenen Umgebung parallel installieren kann.

Die Hilfsbereitschaft in den Foren finde ich ganz erstaunlich. Nicht alles, was man dort liest, ist wirklich hilfreich, man sollte sich mit den Forenregeln vertraut machen, um die richtigen Fragen zu stellen und die erforderlichen Informationen weiterzugeben.

Für Linux gibt es einige Programme nicht, dazu zählt eine Software für Steuererklärungen.

Da der Support für Windows 7 im Januar 2020 ausläuft, stehe ich vor der Wahl, entweder in den sauren Apfel zu beißen und ein Update auf Windows 10 zu machen, was nicht ganz einfach ist, oder eine andere Lösung zu finden.

Ich habe aber keine Lust, wegen eines einzigen Programmes extra Windows 10 zu kaufen, zu installieren und zu pflegen (siehe oben).

Die Lösung ist in diesem Fall Wine.

Wine (Wine Is Not an Emulator) ist ein Programm, mit dem man Windows-Software unter Linux verwenden kann. Man benötigt keine Windows-Installation auf seinem Computer, um mit Wine Programme starten zu können, die für Windows programmiert wurden.

Wiki ubuntuusers.de

So ist es in der Ubuntuusers-Wiki zu lesen. Welche Programme mit Wine laufen, getestet sind und wie sie zu installieren sind, findet man unter https://www.winehq.org/.

Dort fand ich das Programm „SteuerSparErklärung“ mit einer Anleitung, wie es zu installieren ist. Die Anleitung ist knapp gehalten aber sehr genau, setzt aber voraus, dass man mit dem Terminal arbeiten kann und die Installationsschritte versteht.

Ich konnte damit die SteuerSparErklärung installieren und meine Steuererklärung ausfüllen, aber ein Bankbeleg fehlte noch. Als ich den schließlich erhielt und ergänzen wollte, verlangte das Programm zuerst, ein Update durchzuführen, und das gelang nicht. Bei Steuererklärungsprogrammen ist es ja üblich, dass jährlich neue Versionen erforderlich sind, und diese noch mehrere Updates wegen Fehlern oder neuen Vorschriften erhalten.

Ich machte eine Fehlermeldung wegen des Updates an WineHQ und erhielt innerhalb von 5 Minuten (!) eine Antwort:

Subject: RE: Update funktioniert nicht

Einfach die aktuelle Version von der Homepage herunterladen und drüber installieren.
Best regards.
The AppDB team
https://appdb.winehq.org/

E-Mail von WineHQ


Das funktionierte sofort. Das nenne ich einen Super-Support. Die Steuererklärung ist raus mit Ausdruck und Übertragung per Elster. Windows kann bei mir abgeschaltet werden.

2 Kommentare

  1. Diese Website ist nicht der richtige Ort für solch eine Diskussion, es gibt hier keine regelmäßigen Mitleser – abgesehen von mir. Es gibt Linux-orientierte Gruppen auf Facebook und für die größeren Distributionen wie Ubuntu und Mint auch deutschsprachige Foren. Auch Youtube dürfte zahlreiche Video-Hilfestellungen bieten. Grundsätzlich ist der Betrieb neben Windows oder sogar innerhalb von Windows in einer virtuellen Maschine möglich – wenn der Computer entsprechende Ressourcen hat. Die Installation ist so einfach wie möglich, aber nicht trivial – das ist die von Windows auch nicht. Anwender vergessen nur gerne, dass sie auch Windows nicht installiert, sondern bloß personalisiert haben.

    Online-Banking ist kein Problem, das mache ich seit der ersten Stunde (2003), allerdings mit einem dafür gedachten Programm namens Moneyplex und nicht im Browser. Die Verwendung des Browsers für das Online Banking ist unter keinem System ratsam, denn der Browser steht in der vordersten Angriffslinie.

    Relativ problemlos wäre der Kauf eines Gerätes mit installiertem Linux, z.B. von Tuxedo Computers, die auf Linuxcomputer spezialisiert sind. Aber als Anfänger in jedem Fall dann mit installiertem Linux kaufen.

  2. Hallo, ich bin 65 Jahre alt und ein absoluter Laie am Computer. Ich würde mich für Linux entscheiden, habe aber Angst dass z.B. Internetbanking nicht mehr klappt. Auch hört sich das Installieren und selber machen recht kompliziert an. Wie gesagt, ich verstehe absolut nichts vom programmieren und den komplizierten Ausdrücken in den Foren. Sollte ich es also versuchen? Wie geht das mit dem partizieren damit Windows und Linux parallel laufen? Gibt es Anleitungen auch für Dummies wie mich? Es würde mich freuen, wenn ich eine gute Anleitung bekommen könnte die Idiotensicher ist. Danke im Voraus für hilfreiche Antworten.

    Fleck Dodi

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